cyber-mobbing!

von Zahra Vahedi

Mädchenschwarm Andi (Philipp Sponbiel) gibt nur vor, Lea (Romana Schneider) beistehen zu wollen, die mit den Nerven völlig am Ende ist. In Wirklichkeit gehört er zu den Hauptakteuren unter den Cyber-Mobbern. (Fotos: im)

Alles fängt so harmlos an: Die siebzehnjährige Lea (Romana Schneider) träumt davon, Schauspielerin zu werden, wie ihre verstorbene Mutter es war. Zunächst lässt sich die Sache auch ganz gut an, der Leiter der Casting-Agentur (Philipp Sponbiel) scheint ernsthaft interessiert zu sein. Doch dann bekommt Lea es zunächst mit dem Neid ihrer besten Freundin Nadine zu tun, die von der gleichen Agentur abgelehnt wurde. Es folgen öffentliche Facebook-Sticheleien, anonyme Drohungen, peinliche Videos, Beleidigungen, Stalk-Attacken – und ehe es irgendeiner der Beteiligten so richtig realisiert, wird aus dem ersten Fake, den Nadine in die Welt gesetzt hat, eine Lawine, die Lea nahezu in den Abgrund reißt.

Das Bühnenstück »Fake – oder: War doch nur Spaß« von Autor und Regisseur Karl Koch wurde dargeboten durch die beiden Profi-Schauspieler Schneider und Sponbiel vom Berliner Theater-Ensemble Radiks. Es bildete den Höhepunkt einer langfristig angelegten Unterrichtseinheit zum Thema Medienkompetenz in den siebten Klassen der Karl-Weigand-Schule (KWS) Florstadt. Schulleiterin Franziska Burkhard freut sich, dass die Frage nach dem guten Umgang mit den Medien den Weg in die Klassenzimmer gefunden hat: »Wir haben in einer Arbeitsgruppe ein neues Leitbild mit sechs Kernthemen für unsere Schule entwickelt, das sich unter anderem mit Schulleben, Respekt und Umgang mit Vielfalt beschäftigt. In diesem Zusammenhang haben wir auch das Thema Medienkompetenz aufgegriffen.«

Das Stück das inmitten ihrer eigenen Erlebniswelt spielt, wurde von den anwesenden Jugendlichen mit Spannung verfolgt: Mobbing, insbesondere Cyber-Mobbing, die persönlichen und rechtlichen Folgen von Beleidigung, Bedrohung und sexueller Belästigung über Internet und Handy sowie die Frage: »Wie kann ich mich rechtzeitig wehren« standen eine Stunde lang im Fokus. Bis zum dramatischen Showdown, der Lea zunächst ins Krankenhaus bringt, dann in die Psychiatrie und schließlich an eine neue Schule und in ein neues Leben.

»Die haben toll gespielt, das war echt glaubwürdig«, »Mir hat die Lea leid getan, aber sie hätte eher mit ihrem Vater reden müssen – oder mit den Lehrern«, waren die Reaktionen einiger Schüler. Im Anschluss bestand Gelegenheit, mit den Schauspielen ins Gespräch zu kommen und Fragen rund um das Stück und seine Themen, aber auch über den Schauspielberuf und seine sozial-politischen Möglichkeiten zu klären.

Die Lehrkräfte waren sich einig, dass das Berliner Theater-Ensemble exemplarisch das aufgegriffen hatte, was auch im Schulalltag erlebt wird. »Meist kommunizieren die Schüler über das Handy in Klassen-Chats«, sagt einer der Pädagogen. »Dort sollen in der Regel die Hausaufgaben besprochen und Informationen für den Schulalltag weitergeleitet werden. Es kommt aber auch vor, dass gerade in diesen Gruppen Mobbing stattfindet.« Sehr schnell verbreite sich dann ein Gerücht und die Betroffenen seien im Fokus.

»Wir haben es erlebt, dass in solchen Fällen sofort aus Elternhäusern heraus gehandelt wurde, ohne Rückfrage und in Unkenntnis aller Fakten«, berichtet die Schulleiterin. Wenn man dann merke, dass die erste Annahme nicht stimme und die Situation aus dem Ruder laufe, heiße es oft: »Das haben wir nicht gewusst‹ und ›Das haben wir nicht gewollt«.

»Wir brauchen keine selbsternannten Ermittler, sondern auf allen Ebenen Personen, die sich an offizielle Kommunikationswege halten, wenn es zu Problemen mit Cyber-Mobbing kommt. Bei strafrechtlich relevanten Fällen kann die Polizei ermitteln. Und das tut sie dann auch.« Die Schulleiterin wünscht sich: »Wir müssen bei Konflikten die Fakten gründlich recherchieren und verifizierbare Anschuldigungen zuerst mit den Betroffenen besprechen, damit Einzelne nicht in Extremsituationen geraten.«

Auch Schuldezernent Jan Weckler weiß um die Aktualität des Themas und plädiert dafür, dass den Schülern früh vermittelt wird, dass es auch im Netz Regeln gibt. »Die Karl-Weigand-Schule tut hier genau das Richtige«, sagt Weckler. »Das Verhalten im Netz muss konkret thematisiert und aktiv angesprochen werden, um Probleme wie Cybermobbing angehen zu können.« Auch wenn es nicht komplett möglich sei, Mobbing zu verhindern, sollte den Schülern verdeutlicht werden, wie ihre Eigendarstellung im Netz auf andere wirke.

Die Fördermittel für die Finanzierung der Aufführung des Stücks wurden vom Förderkreis der KWS bei BUNTerLEBEN über das Bundesprogramm »Demokratie leben!« beantragt. Fachstellen-Leiterin Rochsane Mentes erklärt, das Thema ›Hate Speech‹, also Hassrede, im Internet und in Handy-Chats, sei einer der Schwerpunkte der aktuellen Förderperiode. »Wir sollten in Situationen, in denen die Medien zu einem Problem werden, vor allem miteinander reden und nicht vorschnell handeln.« Junge Menschen aufzuklären, wie ein guter Umgang mit Medien funktioniere, sei eine Aufgabe, die man nicht früh genug angehen könne.

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