Drogenprävention in der Schule mal anders!

von Anja Rocher

Der Themenkreis Sucht und Drogen ist nach wie vor von hoher Brisanz bei Kindern und Jugendlichen. Im Lehrplan der allgemeinbildenden Schulen ist das Thema Sucht im Fach Biologie im 7. Schuljahr verankert und wird fächerübergreifend auch in den Fächern Ethik und Deutsch thematisiert. Üblicherweise werden die Inhalte von den Lehrkräften vermittelt und von Mitarbeitern der Drogenberatung unterstützt.

Die Karl-Weigand-Schule wählte dieses Jahr einen anderen Ansatz, und lud „Anna“ an die Schule ein.

 

Anna wuchs in einem Elternhaus auf, das von Demütigungen einer alkoholkranken Mutter und einem gewalttätigen Vater geprägt war. Bereits mit neun Jahren griff sie bei einer Mutprobe auf dem Spielplatz zum ersten Mal selbst zum Alkohol. Medikamentenmissbrauch und Haschisch vom Schulhof im Alter von 12 Jahren sind die nächsten Stufen, gefolgt von Ecstasy, Kokain und Heroin. Hinzu kommen Selbstverletzungen, um Schmerz und Hass unter den väterlichen Schlägen und der hilflosen Mutter zu betäuben. Heute kann die mittlerweile 30-Jährige sagen, dass sie der Suchtspirale vor mehr als sechs Jahren endgültig entfliehen konnte. Nach drei Therapien und zehn Entgiftungen fand Anna den Weg zurück in ein Leben ohne Drogen.

An drei aufeinanderfolgenden Tagen hat Anna alle Klassen der Jahrgangsstufen 7 bis 10 für jeweils zwei Schulstunden besucht. Die Schülerinnen und Schüler kannten Annas Geschichte. Vor ihrem Besuch haben sie einen Film über sie gesehen, eine Dokumentation mit dem Titel „Kindheit unter Drogen – Annas Weg ins Leben“. Nun hatten sie die Gelegenheit Fragen zu dem Gesehenen zu stellen und auch darüber hinaus. Von Anfang an war eine besondere Atmosphäre im Klassenraum zu spüren, wie sie im Regelunterricht nicht wahrzunehmen ist. Die Schülerinnen und Schüler begegneten Anna mit Neugier, wollten wissen, was aus der Person im Film geworden ist. Aufmerksam hörten sie ihren Erzählungen zu und reagierten mit Betroffenheit aber auch mit Respekt auf ihre Erfahrungsberichte. In dieser Atmosphäre bot sich den Schülerinnen und Schülern die Chance, echt und ungeschönt über das Thema Drogen und Sucht aufgeklärt zu werden. Zudem wurde ein Verständnis über die Entstehung von Sucht geschaffen. Aus den Gruppengesprächen entstanden Einzelgespräche, in denen sich die Schüler vertrauensvoll mit ihren eigenen Erfahrungen, Nöten und Sorgen rund um Sucht und Drogen an Anna wendeten. 

„Ich bin sehr positiv überrascht, wie gut das Gesprächsangebot angenommen wird“, freut sich die Schulleiterin Frau Franziska Burkhard. „Als ehemals Betroffene erreicht Anna die Schüler auf einer ganz anderen und viel eindrücklicheren Ebene als Lehrkräfte und professionelle Drogenberater dies leisten können.“ 

Darüber hinaus können die Mädchen und Jungen auch über die sozialen Netzwerke wie Facebook und Instagram mit Anna in Kontakt treten. Dort berichtet sie über die Tage an der KWS, die sie als totale Bereicherung auch für sich selbst beschreibt und bedankt sich bei den Schülerinnen und Schülern für ihr Vertrauen. Auch wenn ihr Besuch jetzt schon einige Zeit zurückliegt, erreichen sie nach wie vor fast täglich noch „ehrliche und unsagbar liebe Rückmeldungen und Danksagungen“.

Aufgrund der durchweg positiven Resonanz ist es geplant auch in Zukunft im Rahmen der Drogen- und Suchtprävention einen jährlichen Besuch von Anna an der Karl-Weigand-Schule fest zu verankern.

Ein herzliches Dankeschön geht an dieser Stelle auch an den Förderverein der Karl-Weigand-Schule, der Annas Besuch in diesem Jahr finanziell unterstützt hat.

 

Text und Bilder: F. Burkhard

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